Stellungnahme Skipistenplan – Projekt „Ried“

An
den Bürgermeister und den Gemeinderat
der Stadtgemeinde Bruneck

Stellungnahme zur dreijährigen Überarbeitung des Fachplans Skipisten und Aufstiegsanlagen

(1. Lesung, Beschluss der Landesregierung Nr. 1666 vom 22.06.2009)

Im Zuge der dreijährigen Überarbeitung des Fachplans Skipisten und Aufstiegsanlagen hat die Landesregierung mit Beschluss am 22.06.2009 das Projekt “Ried” in den Plan aufgenommen. Wir lehnen die Eintragung dieses Projektes aus den in der Folge dargelegten Gründen strikt ab.

Die Landesregierung war nicht berechtigt, das Projekt “Ried” in die Überarbeitung des Plans aufzunehmen

Die gesetzlichen Bestimmungen sehen vor, dass Abänderungen während der Laufzeit des Plans nur aufgrund begründeter Änderungsanträge der betroffenen Gemeinden, die mittels Gemeineratsbeschluss vorgeschlagen werden, möglich sind (Durchführungsbestimmungen zum Fachplan, Beschluss der Landesregierung Nr. 13, 10.01.2005, Art. 1, Abs. 2). Die Gemeinde Bruneck hat nie einen Beschluss gefasst, der die Eintragung des Projektes “Ried” vorschlägt.

Die Landesregierung begründet die Nichtanwendung dieser Bestimmung im Beschluss vom 22.06.2009 mit diesen Worten: “Das Vorhaben war im Fachplan bereits enthalten, die dort vorgesehenen Untersuchungen wurden zwischenzeitlich abgeschlossen und die endgültige Eintragung, auch im graphischen Teil, kann somit unabhängig vom Dreijahrestermin, auch auf Antrag des Betreibers, erfolgen.” Abgesehen davon, dass für Projekte, die bereits eingetragen sind, zwar der Dreijahrestermin nicht gilt, wohl aber die Verpflichtung, dass Änderungen per Gemeinderatsbeschluss zu beantragen sind, ist das Projekt “Ried” nicht bereits im Skipistenplan enthalten. Die Landesregierung nimmt hier Bezug auf folgenden Passus, der im Januar 2005 aufgrund eines Gemeinderatsbeschlusses in den Plan aufgenommen wurde: “Zur Einschränkung des Individualverkehrs zwischen dem Brunecker Talboden und der Talstation in Reischach sowie des dortigen Stellplatzbedarfes, soll eine direkte Anbindung des Skigebietes Kronplatz an die Pustertaler Bahn mit Errichtung des dafür geeigneten Transportsystems mit Verbindungspiste oder Skiweg geprüft werden.” Damit wurde kein Projekt eingetragen, sondern nur Untersuchungen für ein mögliches Projekt angeregt. Um von einem Projekt sprechen zu können, müssen zumindest Ort und Verlauf von Piste und Aufstiegsanlage angegeben werden. Im konkreten Fall zog man eine Verlängerung der Aufstiegsanlage “Kron­platz 2000” in den Talboden zwischen Bruneck und St. Lorenzen und eine mögliche Piste im Bereich Stefansdorf in Betracht. Von einer Anbindung über Percha und einem Projekt “Ried” war absolut keine Rede, außerdem fehlen dazu die Anträge der Gemeinden Percha und Olang, die ebenso vom Projekt betroffen sind.

Das Projekt “Ried” ist ein neues Projekt von großer Tragweite und muss daher neu eingetragen werden, unter Einhaltung aller Bestimmungen und somit nur bei Vorlage entsprechender Beschlüsse aller drei betroffenen Gemeinderäte. Da für die dreijährige Überarbeitung nur “kleine Ergänzungen” zulässig sind, ist dafür ohnehin die Erstellung des neuen Skipistenplans abzuwarten. In der Gemeinde Bruneck liegt zudem ein Antrag auf Volksbefragung vor, bei der sich die Bevölkerung dazu äußern soll, ob am Nordosthang des Kronplatzes im Gebiet der Weiler Walchhorn und Ried skitouristische Infrastrukturen überhaupt zugelassen werden sollen. Diese Volksbefragung kann aufgrund der geltenden Bestimmungen frühestens im Herbst 2010 stattfinden. Demokratische und politische Korrektheit erfordern deshalb, dass der Gemeinderat Bruneck erst über das Projekt “Ried” befindet, nachdem das Ergebnis der Volksbefragung vorliegt.

Die Rechtfertigung des Projekts als verkehrspolitische Maßnahme ist nicht stichhaltig

Ausschlaggebend unter anderem für das positive Gutachten der UVP-Kommission (7 zu 3 Stimmen) war die Aussage, dass das Projekt Ried die einzig mögliche, bzw. sinnvolle Anbindung des Kronplatzes an die Pustertaler Bahn darstellt und dass nur mit diesem Projekt eine deutliche Verkehrsentlastung erzielt werden kann. Diese Aussage ist evident falsch. Ihr liegt vor allem ein Gutachten von Prof. Knoflacher zugrunde, das aus mehreren Gründen fragwürdig ist. Zum einen beruhen die Bewertungen auf Daten, die im Winter mittels am Kronplatz verteilter Fragebögen erhoben wurden. Sowohl die Formulierung des Fragebogens als auch die Erhebungsmethode können kaum als sorgfältig bezeichnet werden, und da die Erhebung nicht auf Personen beschränkt wurde, die den Kronplatz über Reischach erreichen, sind Rückschlüsse auf die mögliche Entlastung der Reischacher Talstation ohnehin fraglich. Abgesehen davon, dass eine Reihe von Parametern zur Bewertung des Verlagerungspotenzials recht willkürlich zugunsten des Projektes “Ried” festgelegt wurden, ist vor allem zu sagen, dass die in Aussicht gestellte Verkehrsverlagerung auf ein ganzes Paket an verkehrspolitischen Maßnahmen zurückgeht. Diese wurden mit dem Ist-Zustand verglichen, bei dem es in Reischach keinerlei Einschränkungen für den Autoverkehr und ein insgesamt dürftiges Angebot an öffentlichen Verkehrsverbindungen gibt. Verkehrspolitische Steuerungsmaßnahmen und damit eine relevante Verlagerung auf den öffentlichen Verkehr sind aber auch ohne Projekt “Ried” möglich und können deshalb nicht zur Rechtfertigung des Projektes angeführt werden.

Tatsache ist, dass das Projekt “Ried” vom verkehrstechnischen Standpunkt auch dem Vergleich mit der Nullvariante nicht standhält. Dazu ist aber als Nullvariante nicht der heutiger Zustand zu definieren, sondern alles, was ohne neue Aufstiegsanlagen und Pisten zur Verbesserung der Verkehrssituation möglich ist. Die Einrichtung von dezidierten Shuttleverbindungen zwischen dem Bahnhof Bruneck und der Talstation Reischach sowie zwischen dem Bahnhof Olang und der Talstation Gassl ermöglicht von jedem Bahnhof aus dieselbe Anzahl an Verbindungen und dieselben Fahrtzeiten zum Gipfel des Kronplatzes – bei optimaler Verknüpfung sogar leicht kürzere Fahrtzeiten. Der sogenannte “Umsteigewiderstand”, der in den Bewertungen von Prof. Knoflacher eine sehr prominente Rolle einnimmt, ist aufgrund der modernisierten Bahnhofsinfrastruktur in Bruneck und Olang minimal, in den meisten Fällen sind weder nennenswerte Distanzen noch Höhenunterschiede zu überwinden. Prof. Knoflacher hat hingegen bei jeglichen Lösungen mit dem Bahnhof Bruneck als Umsteigepunkt einen sehr hohen Umsteigewiderstand angenommen. Dies kann, wenn man bedenkt, dass kein wirklich konkretes Szenario bewertet wurde, nur als willkürlich bezeichnet werden. Tatsache ist auf jeden Fall, dass die möglichen Vorteile durch das Projekt “Ried” (einmal weniger umsteigen) nur auf einen kleinen Teil des Einzugsgebiets zutreffen und von solch begrenztem Ausmaß sind, dass sie ein Projekt dieser Größenordnung mit allen negativen Begleiterscheinungen auf keinen Fall rechtfertigen können.

Generell ist Percha verkehrstechnisch nicht der geeignete Umsteigepunkt. Nur wer in unmittelbarer Nähe eines Bahnhofs wohnt bzw. dort sein Urlaubsquartier hat, genießt den Vorteil einer direkten Bahnanbindung. Das ist allerdings nur ein sehr geringer Teil des Einzugsgebietes der Reischacher Talstation. Die Umgebung von Bruneck und das Tauferer Tal haben diesen Vorteil nicht, hier müsste man erst mit einem Bus den Bahnhof Bruneck erreichen, auf die Bahn umsteigen und nach Percha fahren, um dort die Seilbahn zu nehmen, bzw. mit einem Bus direkt den Bahnhof Percha erreichen. Dieser Bus kann aber ebenso gleich die Talstation in Reischach anfahren, bei insgesamt kürzeren Fahrtzeiten, weshalb sich kein Vorteil ergibt. Von einer nennenswerten Verkehrsentlastung im Raum Bruneck durch das Projekt “Ried” kann man deshalb nicht ausgehen.

Die STA hat im Auftrag der Landesverwaltung eine kurze Studie über eine mögliche Verbindung zwischen Bahnhof Bruneck (Mobilitätszentrum) und Talstation Reischach erstellt. Dies, nachdem das UVP-Gutachten vorgelegt wurde, das vor allem auf der Annahme beruht, dass eine funktionierende Anbindung nur in Percha möglich sei. Das Ergebnis der Studie ist interessant, die Diskussion darüber wurde aber sofort abgewürgt, unter anderem, weil sich die Kronplatz Seilbahn AG weigert, eine Investition in eine derartige Verbindung auch nur in Betracht zu ziehen. Diese Haltung durch eine Zustimmung zum Projekt “Ried” noch zu unterstützen, ist nicht vertretbar.

Neben einer Ausweitung und Optimierung der Busverbindungen zur Talstation in Reischach, die bei entsprechenden Begleitmaßnahmen eine deutliche Verbesserung der Verkehrssituation ermöglicht und im übrigen sofort und mit vergleichsweise geringen Kosten umgesetzt werden kann, ist mittelfristig nur eine Schienen- oder Seilbahnverbindung zwischen dem Mobilitätszentrum und der Talstation Reischach in Erwägung zu ziehen. Da das Mobilitätszentrum auch der Verknüpfungspunkt des gesamten öffentlichen Verkehrs im Brunecker Raum ist, profitiert von einer attraktiven Anbindung nicht nur Bruneck, sondern die gesamte Umgebung. Eine solche Anbindung mit Einbeziehung der Sportzone, besser noch mit einer Verlängerung Richtung Stadtzentrum und Reischach, wäre ein attraktives öffentliches Verkehrsmittel nicht nur für den Skibetrieb, weshalb es gerechtfertigt wäre, hier auch öffentliche Mittel zu investieren. Das Projekt “Ried” ist keine Verkehrslösung für Bruneck, seine Umsetzung verhindert aber, dass eine wirkliche Lösung je realisiert wird.

Das Projekt ist umweltpolitisch nicht vertretbar

Das Projekt sieht eine 6,4 km lange Piste vor, die fast bis 900 Meter Meereshöhe reicht. Abgesehen davon, dass eine Neuerschließung dieser Größenordnung niemals als “Begleiterscheinung” der Bahnanbindung akzeptiert werden kann, ignoriert dieses Projekt den Klimawandel. Namhafte Wissenschaftler, aber auch etwa die OECD oder Deutsche Bank Research sehen auch wirtschaftlich auf Dauer keine Zukunft für Skigebiete unter 1500 Metern. Auf jeden Fall ist jeder Pistenneubau unterhalb von 1500 Metern abzulehnen. Dass man dies im UVP-Gutachten ignoriert hat und offenbar der recht abenteuerlichen Argumentation der Projektbetreiber gefolgt ist, ist auf jeden Fall verwunderlich.

Der Kronplatz ist mit Sicherheit der am meisten verbaute Skiberg weit und breit, aber die Nordostflanke ist bisher von skitechnischer Erschließung verschont geblieben und stellt einen überaus wichtigen Rückzugsraum für die Fauna dar. Ebenso hat das Gebiet Walchhorn-Ried eine große historisch-kulturelle Bedeutung und ist wichtig als Naherholungsgebiet und sommerliches Wandergebiet. Diese Funktion würde durch die Erschließung und ihre – ganzjährigen – Begleiterscheinungen wesentlich beeinträchtigt.

Prof. Florineth hat in seinem Gutachten, das er bei der Gemeinderatssitzung am 5. September 2007 präsentiert hat, die Ried-Piste klar abgelehnt. Die Zusammenarbeit mit ihm wurde daraufhin beendet und sein Gutachten fand keinen Eingang in das UVP-Verfahren.

Das Projekt ist nicht im öffentlichen Interesse

Das Projekt “Ried” verbessert die Gesamtattraktivität des Skigebiets Kronplatz mit seiner zusätzlichen Piste und Seilbahn höchstens marginal. Der Kronplatz bietet eine mehr als ausreichende Auswahl an Pisten, die verschiedensten Ansprüchen gerecht werden. Eine Anbindung des Skigebiets an die Bahn und eine Optimierung der öffentlichen Verkehrsverbindungen lässt sich auch ohne Projekt “Ried” umsetzen, einer “Skiregion Pustertal” steht schon heute nichts im Wege, die diesbezüglichen Aussagen der Projektbetreiber sind zudem wenig glaubwürdig, wenn man die faktische Konkurrenzsituation zwischen den einzelnen Skigebieten bedenkt.

Das Projekt “Ried” dient einzig den Interessen der Kronplatz Seilbahn AG, die damit ihre Position in der Konkurrenzsituation mit den beiden anderen Seilbahnbetreibern am Kronplatz verbessern will. Dies mag aus der Sicht der Kronplatz Seilbahn AG nachvollziehbar sein, stellt aber kein öffentliches Interesse dar und rechtfertigt in keiner Weise einen derart schwerwiegenden Eingriff wie das Projekt “Ried”.

Wir fordern daher den Gemeinderat Bruneck dringend auf, das Projekt “Ried” und seine Eintragung in den Skipistenplan abzulehnen.

Bruneck, 3. September 2009
Für die Plattform Pro Pustertal
Dr. Christine Baumgartner
Sprecherin

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